Von Normalnull auf Tausend in einer Stunde


Von Normalnull auf Tausend in einer Stunde

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Wandern mit Halil von Fam-Tours beginnt mit dem Auto, so ist der erste Anstieg von Alanya nach Mahmutseydi leicht geschafft.

Nach dem Besuch der alten Camı – wie oft sind wir schon dort gewesen – geht es mit flotten und noch frischen Schritten mehr bergauf wie umgekehrt. Die Tempomaten geben, wie es der Brauch ist, das Tempo vor. Die Wanderwaden kommen rasch auf Vollgas. Es bleibt hin und wieder auch Zeit, die Nase in den Wind und die Augen in die Natur zu senden.

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Die Steine selbst, so schwer sie sind, sie pieken hin und wieder in das zarte Fußfleisch, hin und wieder fasst ein stachliger Zweig an deinen Ärmel, weiter, es riecht nach Pflanzen, nach frischer Herbstluft, nach den Früchten des Waldes.

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Da gibt es Rotes vom Erdbeerbaum, köstlich. Diese aromatischen Dinger heißen tatsächlich Erdbeeren und so schmecken sie auch.

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Weiter, weiter, weiter, von den ersten Mitwandernden , mich eingeschlossen, höre ich unterdrückte Schnappatmung; niemand will ich blamiert fühlen. Fünf Kilometer werden so lang wie deren zehn. Es gibt eine natürliche Umgebung rund um Antalya, die lohnt es, entdeckt zu werden.

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Das ist Ahmets kleines Privatmuseum, sehr sehr sehenswert, leider geschlossen, Herbstes Zeit . . .

Wie, es gibt keine Wegweisungen, alles so wie es seit Jahrhunderten gedieh, einschließlich der massenhaften teils herrlichen Schwarzbauten? Es gibt Wegweiser! Sie hängen  mit Flatterbändern von den Bäumen, nicht zu übersehen. Auch hintereinander gelegte Colaetceteradosen. Sie zeigen dem Wandernden, wo es lang geht. Und sie sind nicht mit weiterem Unrat in die Wälder gekippt. Wir sehen das nur, bleiben auf steinigen Pfaden.

Leute, wandert bald, bald ist es alles mit Abfall verfüllt, scheint hierzulande ein Kulturgut zu sein!

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Halbzeit bei glühheißer Ispanakgözleme, Pause, Ausstrecken der angesäuerten Muskeln. Die Wandervögel trennen sich, die einen wandern weiter. Zweie lassen einen fahren. . . Mein Level war erreicht. Meine Liebste unter den Wandervögeln zu erreichen war nicht möglich. Ich bin in ein langes und tiefes Funkloch getreten So ein Schiet, aber immer noch besser als in einen frischen und noch dampfenden . . .

 

Es war eine Strecke und eine Wegführung, auf der einem das fröhliche Liedlein und das Hutschwenken erspart blieb. Umwerfend schön, aber die morschen Knochen – aua. Das faltbare dritte Bein hängt wieder im Schrank. Eine Traumstrecke, aber für eine jüngere Liga. Halil, du bist so voller Ideen, vielleicht, wenn mich der Hafer stechen sollte, könnte ich doch noch mal wieder – oder ich höre auf die Kanzlerin: WIR SCHAFFEN DAS!

. . . wenn man(n) nicht weiß, frägt Mann


. . . wenn man(n) nicht weiß, frägt Mann . . .

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Şerife, Lehrerin außer Diensten, unsere liebe Freundin, kommt immer mit irgendeiner Überraschung, dieses Mal diese, sorgsam geschenkverpackt,samt Gebrauchsanleitung, im Frühjahr einpflanzen! Aha, alles klar, aber was ist das, wie heißt das, kann man es essen? Ist es giftig, aber schön anzuschauen, oder was?

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Wenn bei Kestel die rote Sonne im Meer versinkt . . .


Wenn bei Kestel die rote Sonne im Meer versinkt . . .

. . . und am Himmel die bleiche Sichel des Mondes ihren Nachtdienst noch nicht begann,und ein erstes Fischerboot weit draußen, von der Cam nicht mehr erreichbar, hinausfährt, den Çiupra und den Leverek zu kontaktieren – Wiedersehen zweiseitig gegrillt im Okyanus auf der Fischplatte . . .

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. . . dann zeigt der Himmel seine komplette Farbpalette, fesselt den Blick für eine kleine Viertelstunde zwischen dem Tag und der Nacht. Deine Sitzfläche erst feucht, dann feuchter auf dem Kies, die nimmst du nicht mehr wahr, die Farben am Horizont, das Versprechen schon für den neuen Tag.

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Der Burgberg mit ersten Lichtern, am seinem Grund der  Lichtmüll noch im Dunkeln. Wenige Angler noch erahnbar. Dann fühlst du die Hand deiner Liebsten, ihre Wärme, wenn sie dir die Aufnahmetechniken erklärt – und dir zeigt, wie aus einem Schnappschuss ein Gemälde wird.

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Ein kleines Glück? Oder ein größeres? Oder ein großer riesiger Glücksmoment. Wenn bei Kestel die rote Sonne sich verabschiedete – und neugierig macht auf den neuen Tag . . .

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Der Paravent in der Wildnis

Gestern noch war die Sarağlar Mahallesı, das ist da, wo unsere Hütte steht, in den Augen der Güterzusteller terra inkognita, ungekannte Wüstenei. „Nein, wir stellen in Kestel nichts zu!“ Aras und andere von er rollenden Zunft wagten sich nicht hierher. „Da müssensemal herkommen und ihre Klamotten abholen!“ Unser „Phaeton“ seufzte unter der zusätzlichen Last auf seinem sommerlichen Dach.

Kestel war für die Disponenten irgend wo jotwede. Eine der besonders Peniblen war aras, unfreundlich beim Abholen – und Zustellen in Kestel war ihnen vermutlich peinlich. Aras entdeckte nun, dass hinter dem wild schäumenden Dimçay sich nun, ziemlich unbemerkt von der zivilisierten Welt, Leben entwickelte.

Hilfsbereit telefonierte man, von Hepsi Burada ist da was gekommen und notiert sich die Anfahrtroute. Ein zweites Telefonat heute: wir kommen gleich. Ah, der Paravent, soll Abgestelltes in der Treppenecke kaschieren.

„Gleich“ ist anders zu interpretieren als anders wo, soIMG_20181113_153117.jpg ungefähr zwischen zwei Stunden und zehn Minuten. Ich frage meine Liebste, ob die abwarten, das der rote Teppich ausgerollt und eine Blaskapelle placiert sei.

Für alle zum Mitschreiben: Kestel ist entdeckt von den Augen hoch am Himmel, man muss das nur auf der Anfahrhilfe richtig einstellen – oder mehrfach das transportable Telefon betätigen. Unsere Versteckecke für die Sommerterrassenkissen und anderer Kram ist dem Auge des Betrachters entzogen. Geht doch!

Steinerne Löwen im Museumspark Antalya


„Wir brauchen keine Millionen, auch keinen Pfennig zum Glück . . . Der Park des archäologischen Museums in Antalya ist unser Zuhause. Deshalb sieht niemand uns in der Höhle der Löwen in der Glotze, wo eben diese Millionen unters innovative Volk gebracht werden – oder auch nicht. Auch einen König der Löwen gibt es hier nicht! Wir stimmen uns immer so lange ab, bis wir eine Lösung finden“. . . .

Wenn unsere Gäste und/oder unsere Freunde in diesem Museum aufschlagen, Engeler, das sind Invaliden, aus Troja, Truva auf türkisch, aus Pergamon alias Bergama, woher Deutsche den Altar nach Berlin transportierten, aus anderen historischen Landschaften, Ephesus nicht zu vergessen, sehen wollen, dann verabschiede ich mich wieder einmal in den Park. Zeitspanne so ungefähr drei Stunden allein.

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Dieses Mal gab es Gesellschaft und bis zu dieser Minute bin ich mir gar nicht sicher, ob alles nur eine hirnrissige Idee oder die andere Wirklichkeit real war. Ein herbstlicher Wind bläst das Laub von den Bäumen, auch auf die lagernden steinernen Löwen; einem strich ich das Laub aus der Steinmähne. Ein Bediensteter stellt sich als Ali Ibrahim vor – bist du Deutscher oder Türke? Rate mal. Ich tippe auf halb und halb, ich bin in Köln-Mühlheim aufgewachsen, sein Deutsch ist noch klar und deutlich, geht weiter.

Die Löwen wurden weit vor der christlichen, weit vor der islamischen Zeitrechnung regelrecht aus Felsbrocken herausgehauen und sie leben auch in unserem Zeitalter noch. Hier beginnt meine Geschichte.

Der belaubte Leu schüttelt seine Mähne, schaut mit einem Auge hoch: „Setz dich, Bruder!“ Bruder?? „Ist schon richtig! Wir Löwen hier sind zwar aus Stein, aber innen sehr lebendig! Und du warst schon hier. Du bist auch ein steinener Löwe. Ein Löwenstein. Weil deine Mutter eine solche gewesen ist.

Dein Onkel Kurt, bis zur Machtergreifung der braunen Mörderflut, Lehrer in Berlin und Abgeordneter im Reichstag für die damals noch sozialen Demokraten, er musste das Land verlassen und ist 1942 in Paris gestorben. Sein Sohn erreichte die Vereinigten Staaten, lebte dort, heiratete und starb wenige Monate, bevor du ihn hättest kennenlernen können. Nach ihm ist das Kurt-Löwenstein-Haus in Berlin benannt“ „Weiß ich doch, habe das alles jedoch erst in höherem Alter erfahren, warum erzählst du mir das?“

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„Wir steinernen Löwen leben in anderen Zeitläufen, niemand sieht es uns herausgehauenen Steinen an. Du Löwe hast noch Neunzehnfünfundvierzig als Achtjähriger dein helles „Hallitler“ dem seine Bräune übertünchenden Schulrektor entgegengeschmettert, was ihm gar nicht gefiel. Warum nicht, der Knirps von damals wusste es nicht, niemand hatte ihn aufgeklärt, weil niemand da war.

Das Zusammentreffen mit Tim verlief anders, wir fanden bei dieser ersten Begegnung noch keinen Zugang zueinander. Ich bin der Onkel von Tim – und unser Zusammentreffen war ein vorläufiges Ende meiner Illusion. Onkel und Cousin, für beide war es erst einmal ernüchternd.

Tim lehrt an einer amerikanischen Universität. Er trägt nun meinen Ring mit dem Sternrubin, wird ihn weiter tragen und ihn am Finger seines Sohnes weiterleben lassen.

Wir Löwen haben mit ihm so wie mit dir gesprochen, denn wir sind in der Welt vernetzt. Heute, einen Tag nach der vermutlich nie gewesenen Unterhaltung mit dem steinernen Löwen in Antalya trifft eine Nachricht von Tim ein, er versucht ein Visum zu erhalten und wir sehen einander ein zweites, vielleicht auch noch ein drittes, ein viertes Jahr hier in unserer Wahlheimat Türkei und schaffen es so vielleicht doch noch, uns näher zu kommen . . . Inshallah!

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Wenn ich wieder Freunde, Freunde von Freunden nach AYT ins Museum begleiten darf, dann sollen sie wieder die alten teils sehr verwundeten Menschen aus dem Jahrtausend v. Chr. und vor dem Islam bestaunen, ich gehe dann wieder zu „meinen“ Löwen. „Wenn du wiederkommst, stecke bitte nicht wieder die Hand in unser Löwenmäulchen! Du hast das schon im Jahr 2005 im damals so schönen Aleppo gemacht; du siehst, wir wissen das.“

„Ihr Löwen seid aus Stein, aus Granit! Selten öffnet ihr euch, so dass der Aufmerksame euer Herz klopfen hört. Wir Menschen sind aus Fleisch und Blut – und in uns ist ein Herz aus Stein gewachsen. Manchmal bröckelt es. Wenn ihr wisst, was ich meine. . .“

Spinnt der Olle jetzt, oder was?

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Anno 2005 in Aleppo vor dem Museum, als Aleppo noch eine blühende Stadt gewesen ist und nicht durch Stellvertreterkriege in Schutt und Asche gebombt war – und es bis heute ist . . .

Christoph Maus – Versuch eines Nachrufes


Christoph Maus – Versuch eines Nachrufes

Versprachst du mir nicht, bei meinem letzten Gang Dietrich Bonhoeffer zu zitieren?* Nun bist du vor mir abgerufen.
Vor Jahren, bei der Bestattung von Gisela sprachst du das. Wir saßen noch, als alle Anderen gegangen waren und erklärten uns die Welt. Enge Freunde wurden wir nicht, aber immer in gutem Kontakt.

Mein „Phaeton“ brachte mich einmal zu Dir nach Hause, ein Erlebnis.

Nun haben wir dich beigesetzt hier in Kestel. Rolf, ein gemeinsamer Freund, nahm einem der Männer die Schaufel aus der Hand und legte selbst Hand an. Etwas früh. Meinten wir an deinem tiefer gelegten Zuhause. Hast du deine weiße Kopfbedeckung mitbeknommen?
Ruhe in Frieden, Christoph!

*Von guten Mächten wunderbar geborgen
erwarten wir, was kommen mag.
Gott ist mit uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag

Hockis online am Donnerstag, 18. Oktoberanno zwanzigachtzehn


Hockis online am Donnerstag, 18. Oktober anno 2018 

Eine neue Spalte tut sich auf im Blog Leben und Reisen in der Türkei: Hockis online.

Freundliches Willkommen in der Medizinischen Fakultät der Universität Kestel-Alanya. Freundin Şeyda ist vom Devlet Hastanesı als Dozentin hierher gewechselt und lud uns ein, sie in ihrem neuen Wirkungsbereich zu besuchen.

Die Mensa und die Unterrichtsräume wurden zu Hörsälen und Studienräumen; gemeinsamer Rundgang mit Kontakt zum Dekan, Stören der Schülerinnen und Schüler, so heißen die Studentinnen und Studenten in der türkischen Sprache.

Dr. Şeyda erklärt uns einen Engpass in der Praxis; „Wir haben Mühe, Kadavarı zu finden, so heißt der Begriff im Türkischen. Ich übersetze mal so, wie ich es verstanden habe: es fehlen Menschen mit abgelaufener Haltbarkeitsdauer, die ihr Inneres nach außen kehren, damit die Azubis in Sachen Medizinkenntnis lernen. Im Moment haben wir nur einen Menschen aus Holland in der Kühlung; er hat keine Verwandten“ . . .

Hoffentlich gelang es, mit der mir eigenen Pietät und meiner Ehrfurcht vor Menschlichem das erklärt zu haben.

Bei unserer Freundin rief die Pflicht, bei uns der heiße zwei Kilometer lange Weg zurück. Drei Fleißige hocken auf ihren Fersen und sammeln die heruntergefallenen Oliven auf. Freundliche Ansprache meiner Liebsten, der Mann springt auf, steigt mit allen vier Gliedmaßen eine steile Mauer hinauf – nur um uns zwei dicke fette und zuckersüße Granatäpfel  direkt vom Baumzu schenken. Vermutlich kennt man sich vom Sehen – oder auch nicht. Ehe die Kamera ihre Arbeit begann, war er schon wieder unten.

Bei uns daheim gibt es nur noch den Lärm, die wir selbst erzeugen, kein Handwerker, keine Schattenspiele mehr auf dem nicht mehr vorhandenen Gerüst . . . Das Leben ist schön, wird noch klarer, wenn er der Staub Afrikas sich wieder setzte.