Der unheimliche Nachbar . . .


Dienstag Abend per pedes auf dem Heimweg vom CDAS in Alis Bahnhof zu Kestel, so ungefähr drei Kilometer vom Abendessen entfernt. Der Weg führt,  Informierte kennen ihn schon, über den Köykurfürstendamm. Bis zum Michellhotel, dunkel und eingemottet für den Winter.

Von da an geht´  s bergauf. Vorbei an der Akuaresidenz, ebenfalls dunkel. In den schwarzen leeren Fenstern wohnt zwar nicht das Grauen, da wohnt so gut wie überhaupt keiner in den hunderten Appartements. Nun geht es stramm das Minigebirge hinauf. Dunkelheit in Vollendung, hier leuchtet dir niemand mehr heim.

Immer wieder zur adbendlichen oder nächtlichen Stunde ein Angehen, denn hinter jedem Busch, hinter jedem Strauch, hinter dem Umspannhäuschen hocken sie, die mit den Maschinengewehren, den Dolchen, dieses ganze Gesindel, mit dem unsere Wahlheimat Türkei so gerne dargestellt wird. Zu Risiken und Nebenwirkungen muss man nur die Sachverständigen und solche die sich dafür halten, im fernen Deutschland befragen. Oder lest die qualifizierten Kommentare in facebook & Co.

Da das Abendessen nicht zu mir hinunter kommt, muss ich zu ihm hinauf. Finsternis rundum, der Mond macht sich noch fertig für seinen nächtlichen Dienst. Auf halber Höhe überholt mich mit der hierzulande üblichen Geschwindigkeit ein Lieferwagen.

Hätte ja auch mal halten können, ich maule still für mich. Das Fahrzeug kommt mit derselben Hochgeschwindigkeit zurück, dreht und hält neben mir, der Fahrer steigt aus, kommt auf mich zu, hält mir die Beifahrertür auf: „Steig ein, Komşu! Unser Nachbar muss doch nicht alleine durch die Nacht trotteln!“

Nimmt mich mit hinauf, nur einige wenige hundert Meter. Vom Sehen und Grüßen kennen wir einander, wissen nur, dass er ein Heer von Katzen in seinem Garten bewirtet. Und das an seinem Lieferwagen so etwas wie Endüstriel steht. Danke danke Nachbar. Es wohnt und lebt sich gut in unserer Mahallesi hinter dem wild schäumenden Dimçay . . .

Den CDAS kennt nicht jeder und es ist auch nur meine inoffizielle Bezeichnung für den freundlichen Dienstagskreis. CDAS – das ist der Club alter Säcke; bitte nicht weitersagen, weil es cok ayip ist . . .

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Querstreifen machen dick! Aber wer verzehrt schon Querstreifen?


Niemand. Vor allem wohlbeleibtere Kerle, die ihre Wampe mit Querstreifen zu kaschieren suchen, werden diese durch Nahrhafteres ersetzen. Aber es gibt ja auch andere Stolperfallen in Sachen wohl durchdachter Nahrungsaufnahme. Ich weiß doch seit Olims Zeiten meinen Kartoffelbauch mehr oder weniger geschickt zu verstecken. Der ist mehr als siebeneinhalb Jahrzehnten angefuttert durch eben Kartoffeln, meist mit Schalen hinunter geschlungen, wenn es welche gab, die nicht angefault waren. Krieg eben und die Zeit nach ihm.

Da gab es zu Zeiten der Währungsumstellung zehn zu eins in der Ostzone Buttercremetorte – B u t t e r c r e m e t orte ! Und nach der Flucht in den nur golden erscheinenden Westen dass Schnitzel so groß wie Klodeckel, die über den Tellerrand ragten.

Seit einigem wurde alles anders. Erst waren die Lowcarber dran, längst Geschichte, das mit dem Hungermodus und anderer Sülze. Heute nachmittag sündigten wir mit einer großen Portrion Extrasalat mit Olivenöl bei Citerim Kestel, ich noch obendrein zwei leckere Poaga. Schluß mit Lustig; hier wird nicht mehr nachhaltig über Essen, Genuss gar, diskutiert. Sondern vorwiegend über Eiweiß, Kohlehydrate Kalorien, Grundumsatz und Abwägen – mit der kleinen Küchenwaage.

Hach! Im frisch gedünsteten Ciupra, dem Fisch aus dem Mittelmeer, hat sich ganz tief drinnen doch eine vorwitzige Kalorie versteckt und im eiweißhaltigen Getränk schwamm ganz obenauf so ein Kohlenhydrat. Pfui.

Meine Liebste macht das konsequent schon einige Monate – und ich muss den Abfluss in der Dusche verschließen, damit sie nicht mit abfließt. Schlank und rank ist sie und mich frisst der Neid! Wenn dieser einige Kilo mitfrässe, ginge das ja noch.

Ich mache nun mit und tippe jeden Bissen in das schlaue Ding, das früher handy hieß. Eine Hose von  mir fühlt sich von der Erdanziehungskraft schon angezogen, Gürtel also enger! Nur manchmal, seltener inzwischen möchte ich herzhaft in diese Küchenwaage beißen. Die wiegt nicht die Küche, sondern was meinem Grundumsatz frommt, meinem Heißhunger auf was Süsses bremst. Ach ich Armer und schon etwas weniger Dicker!

 

Alanyanische Nächte sind lang . . .


Alanyanische Nächte sind lang . . . denn hierorts hat der Winter begonnen, mit abendlichen nur noch 25 Grad Celsius und mit ägyptischer Finsternis, die um neunzehn Uhr vierzehn beginnt und erst morgens gegen halb sechse endet.

Abends sitzt du auf dem Balkon, popelst am handy herum, schaust hoch und es wurde mit einem Schlag duster, eine Dämmerstunde dauert eine viertel Zeitstunde. Das abendliche Bier ist durch, die restlichen Bouletten gegessen und es ist noch eine dreiviertel Stunde bis zu den ZdF Nachrichten. Die werden um zwanzig Uhr hier empfangen und dann, wenn ihr da hinten in Germanien die Winterzeit habt, sehen wir  eure Neuigkeiten und die Wahlwerbungen erst zwei Stunden hinterher.

Wir Armen,  die wir noch keine Heizung in Betrieb haben, die in shorts und ohne Hemd draußen die abendliche Stille genießen.

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. . . und wie fing das doch gleich damals noch an? . ..


Für Sie berichtete kürzlich über Stefanie . . .

. . . das freut die Eltern, aber wie war es denn davor: Die Zutat des Erzeugers wird ja meist nur etwas herablassend erwähnt, das ist dieser gewöhnt. Aber wer badete das Neugeborene im Waschbecken? Legte reihenweise Gummibärchen auf die aufgeschürften Kniee zwecks rascherer Heilung? Legte den winzigen Schreihals auf den nackten Oberkörper des Vaters zwecks Einschlafens? Sang mit ihr vom Schwan Dudelidu, welches der Alte zum Schwein umdichtete und Ärger bekam? Tröstete später, wenn wieder einmal aus einem Verknallten ein Zerknallter wurde? Und so weiter und so weiter und so weiter und immer wieder. Es war eine Gemeinschaftsarbeit, diese Aufzucht. So lange bis aus unserer Göre eben diese Stefanie Andersson wurde und die vor kurzem den Alten und seine Liebste hinter dem wild schäumenden Dimçay besuchte und im November zusammen  mit Tobba wiederkommen wird . . .

Werbeaktion bei Bim Kestel


Werbeaktion bei Bim Kestel – nur heute, am 26.07.2017

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strahlend hält er uns schon am Eingang einen Keks aus seinem Vorrat hin, voll mit dieser zähen Masse drauf: hier probiert doch mal; Sonderangebot heute. Alle kaufen das appetitliche Produkt, nur wir nicht. Er probiert es noch einmal an der Kasse, çok teşekkür ederim, du kleiner Kerl . . .

. . . nur eine Birne, eine simple grüne Birne –


. . . nur eine Birne, eine simple grüne Birne -aber die wärmt. Nicht nur den Magen! Abend ist es, kurz vor acht, wir in der Wahlheimat Türkei, sind Germanien und Umlieger eine Stunde voraus. Zeytin, der Leasinghund muss. Einige Nachbarn vor den Häusern auf einer Decke, der zahlreiche Nachwuchs rundum.

Zeytin Zeytin Zeytin! Die Kleinen kennen Hund und den am anderen Ende der Leine. Die nackten Sohlen halten den spitzen Steinchen stand, der Hund muss doch dringend gestreichelt sein. Ein Lockenkopf wird energisch zurückgerufen, kommt zurück mit einer dicken fetten Armut, einer Birne, freundliches Nicken aus dem Kreise der Damen. Sie war so köstlich, so frisch, so herzerfrischend.

Für manchen vielleicht keiner Rede wert, für mich, den Nachbarn, etwas, das den Abend, einen dieser Abende zwischen dem schwindenden Tag und noch nicht beginnenden Nacht. Nachdenken auf dem Rückweg. Armut cok lezzetli, teşekkürler! Freundliche Empfangsbestätigung, ein Streicheln über den Lockenkopf des Überbringers, gutes Gefühl für den Glatzkopf. Gutes Gefühl, Nachbar dieser Menschen zu sein. Gute Nacht!

Rolf kommt heute – R-o-l-f !


Rolf Ritschsrds Foto.

So in ca. zwei Stunden, ob türkischer oder europäischer Zeitrechnung muss offen bleiben, dann knattert Rolf auf seinem Quad zu uns herauf. Mit ihm die süßesten Tomaten auf der Welt und die dicksten und aromatischsten Zwiebeln der Welt. Die und noch andere Gemüse baut er auf einem der Nachbarhügeln selbst an – und verweigert ihnen jeglichen Kunstdünger. Auch die Hersteller von Spritzmitteln würden in Konkurs fallen, gäbe es nur solche Rolfs auf der Welt.

Rolf und ich sind Freunde. Erst Freunde im CdaS und seit einigem auch Freunde in facebook. Wenn es zwischen Eiger, Mönch und Jungfrau in seiner Heimat Schweiz donnert, dann hört man unschwer das Grummeln des gök gürültüsü auch hier in Kestel von einem der Nachbarhügel. Rolf ist unverwechselbar, ein Unikat. Seine Statur dürfte die Zweimetermarke nur sehr knapp unterschritten haben. Sein Gardemass besteht aus Sehnen. In sein Gesicht grub das Leben Interessanteres als nur Runzeln, es sind Runen. Aus denen lächelt es ständig oder mehr noch ertönt ein tiefes Grollen leicht als Lachen zu definieren.

Jodeln habe ich meinen Freund Rolf auch schon gehört. Damit könnte er jeden frommen Gesang aus den Lautsprechern übertönen, Rolf mäßigt sich da sehr; er weiss, was sich gehört. Wehe aber jenen Figuren, die ihn einengen wollen, ihm vorschreiben, was zu tun ist. Und selbst nichts tun, ihm das Leben zu erleichtern. „Ich war bei einer Behörde, hatte alle Unterlagen vorbereitet und geordnet mitgenommen. Der Memur war offenbar von keiner Ahnung geplagt, wirft meine Akten hin und her, Ratlosigkeit im Gesicht. Zwischendurch fertigt er andere Bittsteller ab.“

Wie er das schildert, kann ich mir lebhaft vorstellen: mein Freund nimmt das mickerige Männlein am Kragen und hält es aus dem Fenster, lässt es zappeln. Zugegeben, bei mir nicht eben eine wohlmeinende Vorstellung hergebrachten Berufsbeamtentums hier in unserer Wahlheimat Türkei. Rolf bekam sofort das Dienstsiegel nebst hierzulande großartiger Unterschrift.

Leute, die ihn mit guten Ratschlägen überschütten, wie er sein gemietetes Haus ergänzt und wie er seine Tomaten auszurichten hat, die beißen auf Granit und niemals auf Rolfs leckere Tomaten. Am besten ziehen sie den Kopf ein und enteilen.

Wenn Rollis Blauaugen blitzen, Achtung, Schönwetter oder es grollt wie aus den Tiefen eines Sivaskangals. Es gibt noch einiges zu entdecken an dieser Urgewalt und guten, gut gewordenen, Freundes. Und ganz für mich und in der Stille habe ich eine Änderung des dienstags in Alis Bahnhof tagenden Kreises beschlossen: aus dem CdaS, dem nur für mich so bezeichneten Clubs der alten Säcke in CdiO – den Club der interessanten Originale. Wir haben noch mehr solche Rolfs da, die sich die Welt erklären.