Anatolien 04/80 – Diyarbakir


Ich hab´ mein Herz in Diyarbakir verloren! Diyarbakir. D-i-y-a-r-b-a-ki-r-? Ganz genau da. Simmel stellte einst fest, dass es nicht immer Kaviar sein müsse. Es muss ganz gewiss auch nicht immer dieses Heidelberg sein. Auch nicht Amasya, das Heidelberg unserer Wahlheimat Türkei. Dort kommen die dicksten, die rotesten, die schmackhaftesten Äpfel der Welt her, direkt vom yesil irmak, dem grünen Fluss, ein Traumziel.

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Warum nun Diyatbakir, dieser geschundenen und derzeit mehr oder wenigr zwangsbefriedeten Stadt, der Hauptstadt der Kurden. Ich kann es nicht erklären, diese Stadt hat etwas! Gräulicher nasser Regentag. Die Kapuzen der Regenbekleidung bis obenhin verschnürt, schnüren wir, während die runden zweihundert Anderen abgefüttert werden, durch die Stadt.

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Im Innenhof einer vermutlich früheren Karavanserei schiebe ich gedankenlos die gefüllte Zuckerschale unter das tropfende Dach. Der Ober – pardon – zieht uns samt Tisch ins Trockene und trocknete den Zucker, vorwurfsvoller Blick, recht hat er! Nachmittags die obligatorische Führung durch den Sachkundigen. Ob er es kürzer macht? Dyarbakir hat so sehr viel zu bieten! Wir haben einen weiten Weg vor uns!

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Das Herz waidwund, abgerissen und teils wieder aufgebaut, offenbar mit Luxushäusern, ungeeignet sein sollend gegen künftigen derzeit schlafenden, sicher irgendwann wieder aufbrechenden angestachelten Hass der Ethnien gegeneinander im Häuserkampf. Straßen noch ohne Pflaster, mit Ansätzen zur Modernität. Der Innenhof der ehemaligen Karavanserei, heutigem Hotel, noch in der Vorbereitung für eine kommende Saison. Schöne grauweiße Fassaden, nicht ohne Blessuren.

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Orientalische Geschäftigkeit in Bazar und Stadtzentrum signalisieren selbstverständlich sein sollendes normales Leben. Vielfältig beobachtet von wohl hunderten Soldaten der Jandarma vor gepanzerten und stahlgeschützten Polizeistationen und auf der ständigen Wacht auf den Ein- und Ausfallstraßen. Freundliche Ratlosigkeit der jungen Soldaten, fragst du sie. Immer die höfliche und freundliche Auskunft, man wisse nicht, man sei hier selbst fremd . . . Man sei derzeit froh, durch die Präsenz hier zur Befriedung beizutragen, so ein Mehrsterniger.

Der lokale Reiseführer führt uns auch durch die weniger attraktiven Gegenden der Altstadt, Müll zuhauf, merkwürdige und wenig Vertrauen weckende Herumlungerer. Mitten drin öffnet sich eine Stahltür, der Eingang zum unvermeidlichen Museum. Der Eingang passierbar durch die neugierige Schleuse.

Ich bleibe draußen, eines der doppelten Herzen ist unverträglich gegen die Elektronik. Wenige Minuten später kommt einer der Bewacher heraus zu mir, lädt ein. Problem yok, komm mit, Yabanci, räumt einiges Gerümpel beiseite und ich genieße das Privileg, den elektronischen Wächter als vermeintlicher VIP umgehen zu dürfen – und wieder tote Steine bestaunen zu müssen, ja, zu müssen, es sind zu viele Museen und religöse Niederlassungen zu bestaunen auf dieser Tour..

Türkische Gastfreundschaft? Kurdische Gastfreundschaft?

Ich werde wieder nach Dyjarbakir reisen, um das verlorene Herz wiederzufinden und hoffentlich kommt Luise mit und hilft beim Suchen und beim Entdecken. Die Frage, warum Diyarbakir, ausgerechnet, heute ist sie nicht zu beantworten. Ist es nicht so bei uns Menschen, dass jeder Pott seinen Deckel findet, der kleine Dicke seine große Dürre, der Farbige seine blonde Angebetete und der Neugierige sein Diyarbakir. . .

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Bilder wie immer von Luiza

 

 

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