Tropfen auf heiße Steine – 4 – Suruc


Morgens um viertel nach sieben wird von Duran die Welt in Ordnung gebracht. Er klopft den verschlafenen Rentner aus den Federn. Frühstück um viertel vor acht. Womit fangen wir den Tag an. Duran kauft einige Hundert dieser schwarzen Tüten, wie sie früher bei Sturm als Hitchcockvögel durch Alanya segelten. Die auf der Herfahrt erwwobenen Äpfel und Mandarinen sollen in handlichen Tüten verpackt den Kindern überreicht werden. Jede Sekunde soll der bekennende Grobmotoriker eine dieser Tüten auffriemeln, fünf Äpfel hinein, fünf Mandarinen dazu, weiter an Duran, der je eine Schachtel Lokum und einen süßen Riegel ergänzt. Eine Kurdin in ihrer Traditionskleidung: was macht ihr denn da? Setzt sich dazu, packt mit an und ein. Das Bild von ihr, eines der wenigen, ist von ihr genehmigt worden.

Peter, wir müssen noch warten, um elf Uhr wünschen uns einige Verantwortliche hier im Hotel zu sehen. Aha. Also, dann palavern wir bis um zwölfe, dann bitete man uns zum Menü – und dann ist der halbe Tag gegessen. Ziemlich angesäuert meine ich, wenn die Wichtigs uns zu sehen wünschen, wissen sie ja, wo wir sein werden. Wir fahren die vierzig Kilometer nach Suruc, dieser so elenden Grenzstadt. „Meine“ Lağri verweist auf die sorgsam bestellten Felder links der Straße. Geht da nicht drüber. Die sind vermint. Minen, den Tod bringende Minen – die Fruchtfolge eines Stellvertreterkrieges.

Ein erstes Camp, so heißen die elenden Unterkünfte im Behördensprech. Foto? Nein! Affen, Nilpferde, Zebras und anderes Getier in einem Zoo hängen keine Klamotten zu Trocknen über den eingrenzenden Zaun. Da nächste Camp, ein aufgelassenes Fabrikgebäude, bis oben hin in „Wohnraum“ eingeteilt, drum herum hunderte von Zelten. Auf dem Parkplatz unsere beiden LKW mit ihren freundlichen Fahrern. Umarmungen. Einer schiebt mir sein Stühlchen unter, setzt mich vor eine seitliche Klappe und rollt mir mit seinen verarbeiteten Fingern die beste Gözleme Rolle der Welt: ein paar Würfel Giyer – Leber, mit seinen zarten Daumen zieht er die schwarze Schicht von einer Paprika, würfelt eine Zwiebel in hotelfeine Würfel, ein Festmahl, ergänzt durch selbst angesetzten Ayran aus der Blechtasse. Köstlich.

Nun befestigt er am Innenspiegel unseres Fahrzeuges eine Kamera, die alles aufzeichnet, was sie sieht. Es ist strengstens verboten, das Camp zu betreten! Gegenüber ist die Einfahrt zum Lagerplatz der Belediye. Die Camera soll später dokumentieren, dass wir den Stempelweg der Behörden minutiös einhielten.

Aber sollten die Kinder nicht zu allerst ihr Obst und die Süßigkeiten erhalten? Palaver. Der bärtige Lagergott. Respektlos benenne ich ihn als den Lagergott. Das bringt Duran in Zorn. Passt dieser Terminus nun gar nicht in seine Welt seines Glaubens. Entschuldigung, lieber Freund Duran! Dieses arrogante desinteressierte Stinktier erklärt uns wahrhaftig, warum das mit dem Obst nicht geht: die Kinder sind das doch nicht gewöhnt. Sie bekommen Durchfall und das füllt die Fäkalienbehälter über Gebühr! Nehmt das Obst wieder mit. Fängt wunderbar an, der Tag. Nur Minuten später der Tritt in die Magengrube.

Jungens und junge Männer springen auf, beginnen mit er Entladung. Wir haben rund dreihundert Matratzen geladen, vorwiegend doppelt große, die wiegen etwas. Es sind Flüchtlinge aus Kobane, die helfen, erhalten nichts dafür, wollen nur den Tag irgend wie nutzen. Sie erhalten keinerlei Anerkennung, keine Flasche Wasser, nichts zu essen für Ihre Arbeit. Lediglich einen Mundschutz für jeden reißt die Gemeinde sich vom Herzen. Was ich in den Lagernhäusern sah, durch was ich latschen musste, in was ich treten musste. Immer noch zögere ich, darüber zu berichten. Aber ich kann es nicht vergessen, niemals.

Türkis bringt ja in seiner November/Dezember-Ausgabe einen so schön bebilderten Bericht: „Syrien-Hilfstransport erreicht sein Ziel.“ Stromlinienförmig. Weichgespült. Wunderbare Welt, tut den Spendern gut, so kurz vor der Adventszeit. Beruhigt Gewissen. Ich überlege noch….

Ein Gedanke zu „Tropfen auf heiße Steine – 4 – Suruc

  1. Peter, das „stromlinienförmig weichgespülte“ ist ziemlich unfair – angerufen und Deine Eindrücke geschildert hast Du erst nach Drucklegung des Berichts, vorher war ich auf die Eindrücke der anderen Teilnehmer auf Facebook angewiesen, die ich übersetzen musste. Da kam nichts anderes rüber.
    Und warum es auch noch so formuliert war, das weisst Du auch….

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s