Aziz und seine persönliche Revolution – 5. Teil


Da alle lateinischen Inschriften schwarz übermalt waren, hatte ich die Aufgabe, so gefühlte dreißig Kilometer zurückzufinden. Fragt nicht wie, aber die Theheraner sind so freundlich und hilfsbereit wie die Menschen in der Wahlheimat Türkei! Sogar gefüttert haben mich die Vielen sogar, denn Essen und Trinken hält bekanntlich Leib und Seele beieinander. Erleichterung bei meinen Gastgebern – bei mir auch.

Teheran, an einem weiteren Tag im Februar 1980 – ein Jahr nach der Revolution, frage ich meinen Freund Aziz, wie ich denn zur amerikanischen Botschaft käme. Aztiz: wir haben in unserem Land keine amerikanische Botschaft! Was wir im Vorrat haben, ist ein N.S. – ein Nest of spions! Was willst du da? Schaun mer mal…. er marktiert in einem Stadtplan aus Schahs Zeiten einen Punkt mit N.S., der ist heute noch in meinen Unterlagen abgeheftet. Sein Bruder Shokor bringt mich in die Nähe, verdrückt sich wieder, hat Angst.

Angst? Wovor? Am Tor ein schwarzer Shador, schwarze freundliche Blitzeaugen. So in Höhe der Oberweite schaut weniger freundlich ein drittes Auge heraus, die Öffnung eines Maschinengewehrs. Nein, es sei nicht möglich, mit den amerikanischen Geiseln zu sprechen. Fariba, Studentin der Universität Teheran, erklärt mir das, als sie sich mir vorstellt und ich ihr.

Nein nein, wir haben keine amerikanischen Diplomaten festgesetzt! Wir haben ihnen nachgewiesen, dass sie gar keine Diplomaten sind, sondern Spione, die unser Land ausspionierten und uns allen schaden wollten. Eine halbe Stunde sprechen wir miteinander, Fariba erklärt mir, weshalb das, was sie da tun, so ungeheuer wichtig ist für das neue Persien. Nein, ablichten dürfe ich sie nicht. Der Zeitabstand zum Jahr 2014 macht offensichtzlich, dass die Vereinigten Staaten von Amerika. seit Jahrzehnten die Welt abhören, unsere lieben Freunde aus der Neuen Welt….

In Teheran fühle ich mich nach diesen Tagen schon sehr gut zurecht. Der geradezu mörderisch anmutende Straßenverkehr verlor seine Schrecken. Wenig zuvor bat Aziz mich, sein Auto in die nächstgelegene Werkstatt zu fahren, einer seiner Brüder weist mir den Weg. Aus dem kurzen Auftrag wurde ein langer Tag, erst die achte Werkstatt war die nächste Werkstatt. Fährst du zaghaft, bist du verloren. Fahre nur nicht bei grüner Ampel, das ist brandgefährlich, dann ist rot für die anderen, dann fahren die!

Auf der vierspurigen Prachtstraße Schah-Pahlevi-Boulevard, der jetzt Engelab, Revolutionsstraße heißt, erzwingen sich die Fahrzeuge alle acht Spuren, wenn im Gegenverkehr einige Vollpfosten nicht aufpassten. Ich mache fix mit, fahre wie ein Perser. Als Fußgänger überlebst du nur, wenn du fest in die schwarzen Pupillen der Autofahrer blickst und ihnen vor dem Kühler auf die andere Seite wechselst.

An attraktiven und einladend dekorierten Luxusläden außer Dienst sehe ich große Schilder in englischer Sprache. Frauen ohne korrekte islamische Bekleidung ist das Betreten dieses Geschäfts verboten. In den Autobussen kann ich meine müde gelaufenen Beine lang ausstrecken – es ist Platz genug – in den zwei Dritteln des Platzes für Kerle.

Die Frauen stehen dicht gedrängt hinten im letzten Drittel, abgetrennt durch eine stabile Eisenstange. Heile Welt. Fahrkarten werden bei einem Schnauzbart am Schalter erworben. Frauen haben das Billet dem Fahrer auf seinem erhöhten Sitz zu präsentieren –  der nimmt Kenntnis davon – und fährt ab. Ohne die Frau. Heile Welt.

Auf den Bürgersteigen die korrekt gekleidete Perserin. Häufig genug schauen unter dem Shador jeansbekleidete Beine hervor, der schwarze Umhang wie zufällig etwas kürzer als von den Religionswächtern erlaubt. Oben unter dem Kopftuch zwei fröhliche schwarze Augen, hin und wieder ein vertraulicher wortloser flirt mit dem neugieren Fremden.

Heile Welt. Nur meine liebe Frau hat überhaupt kein Einsehen mit dem Gegebenen. Dabei müsste sie doch nur Kopftuch und Shador tragen, dürfte artige drei Schritte hinter mir gehen, sollte den Mund nur auftun, wenn ihr lieber Mann sie etwas fragt und könnte zur Abwechslung gerne mit den Frauen im Garten sitzen und Gemüse putzen…. Heile Welt?

Der Iran besteht nicht nur aus dem Moloch Teheran. Aziz´ Familienclan lebt in Boudjnourd. Für viele Tage überkommt mich die Reiselust – Isfahan, Shiraz, Persepolis, die heilige Stadt Mashad und der Besuch beim Propheten und und und…..

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