ISTANBUL Kein Mokka mehr, kein Raki ZEIT online 22.10.2013


ISTANBULKein Mokka mehr, kein Raki

Wird Istanbul zu Tode modernisiert? Unser Korrespondent Michael Thumann verabschiedet sich nach sechs Jahren von seiner Stadt VON 

22. Oktober 2013  10:06 UhrMoschee neben Hochhäusern im Istanbuler Stadteil Atasehi

Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan liebt Istanbul so sehr, dass er es am liebsten von unten sieht. Er nimmt einen Fahrstuhl in Üsküdar, einem Stadtteil auf der asiatischen Seite des Bosporus. Tief unter der Erde wartet eine U-Bahn auf ihn. Erdoğan betritt im Scheinwerferlicht einen Waggon und fährt los, quer unter dem Bosporus hindurch. Unweit der Hagia Sofia kommt er wieder heraus, im Scheinwerferlicht. Von diesem Tunnel unter dem Meer haben schon die Griechen geträumt. Erdoğan weiht ihn nun ein.

Doch Erdoğan schimpft: „Das Projekt ist um vier Jahre verspätet, weil sie irgendwelche Töpferware gefunden haben. Wir müssen schneller sein, wenn wir zu den Zivilisationen von morgen gehören wollen.“ Die „Töpferware“ würde jedes große Museum der Welt zieren und stammt aus den vergangenen Zivilisationen am Bosporus: Hellenen, Byzantiner und Osmanen. Heute bestimmt Erdoğan, was Zivilisation ist.

Ich verlasse Istanbul. Doch bevor der letzte Karton gepackt ist, hat Istanbul mich schon verlassen. Die Stadt wächst und verschwindet zugleich. Sie sieht immer mehr wie ein austauschbares International-bul aus. Unter Erdoğan eifert sie einem Modernismus Marke Dubai nach, mit osmanischem Dekor. Die neuen Viertel mit Hochhäusern, Highways und Shoppingmalls passen gut zum Arabischen Golf, wo sie voraussetzungslos auf Wüstensand stehen. In Istanbul kollidieren sie mit Geschichte von mehreren Tausend Jahren. Auf dem Spiel steht nicht nur antike „Töpferware“. Es geht um Gassen, Häuser, Gerüche und das Lebensgefühl, in einer unhierarchischen Stadt zu wohnen. Erdoğans autoritäre Umgestaltung von oben ärgert viele Istanbuler. Deshalb kam es im Sommer zu den wochenlangen Protesten um den Gezi-Park.

Ein Teehaus in Tarlabasi. Männer hocken mit ihren Gläsern auf dem keine zwei Meter breiten Bürgersteig. Sie schnippen die Kippen in den Rinnstein. Kinder spielen Fußball. Sie schauen auf die Abrissbirnen, die ihr Leben abräumen, ein historisches Viertel der Istanbuler Innenstadt. Auf großen Plakaten werden die Neubauten mit Büros und Luxuswohnungen angepriesen: weiße Fassaden, vor denen Frauen mit hohen Absätzen und blonden Kindern spazieren. Tarlabasi stand für die Gleichberechtigung in der Vielfalt Istanbuls. Einst war es ein Viertel von Griechen und Armeniern, heute von Kurden und anderen anatolischen Migranten. Kein Haus hat mehr als vier Etagen. Orthodoxe Kirchen stehen neben Moscheen, die armenische Schule neben dem Nachbarschaftsbordell. Die Bosporuskatze läuft neben dem Schwarzmeerdackel. Das Wägelchen des Sesamkringel-Verkäufers parkt selbstbewusst neben dem Mercedes des arrivierten Großhändlers. Keiner ragt zu weit über den anderen hinaus.

Inmitten der Abrissruinen leuchtet ein gelb getünchtes Haus aus der Spätzeit des Osmanischen Reiches. Hier wohnt der letzte Grieche des Viertels, Andon Morali. Ich hatte ihn in den vergangenen Jahren mehrmals besucht. Morali ist krank, er wehrt sich gegen die Umsiedlung in ein Heim. Das Haus gehört ihm. Nun soll er rausgeekelt werden. Draußen vor der Tür infernalischer Lärm, der Gestank offener Rohre, Staub, einstürzende Altbauten. Morali will nicht wegziehen. „Lieber sterben.“

Sein Tarlabasi ist schon tot. Die Ruinen werfen Schatten auf andere Viertel, denen der Umbau droht. Von Tarlabasi geht es steil hinunter zum Goldenen Horn, der Meeresbucht im alten Istanbul. In den Vierteln Balat und Fener lebten Griechen. Heute wohnen hier meist türkische Fischer, Händler und Gastwirte. Es riecht nach frischem Brot, Bratfisch, Schweiß und Kölnisch Wasser. In den dreistöckigen schmalen Altbauten sind Werkstätten, kleine Läden mit Höfen, in die sich abends Liebende verlieren. Balat wurde 2007 mit EU-Geld renoviert, jetzt droht der Totalabriss. Die Kirche des Heiligen Georgius wird von Christen und Muslimen besucht. Sie werfen eine Münze in einen Brunnen und wünschen sich etwas. Ein Fischhändler wünscht sich die Griechen zurück, die vertrieben wurden, als er jung war. Warum? „Weil sie so lebten, wie ich leben möchte: tagsüber Mokka, nachts Raki.“  Auszug aus ZEIT-online

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Besuchen Sie  Europa – Verzeihung bitte – ISTANBUL – so lange es noch steht!!!

Peter Hockenholz am 22.10.2013

 

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