Der Ritt auf der Rasierklinge


Mensch gewöhnt sich – wie oft habe ich inzwischen als Gast auf einem Zweirad gehockt, ja, auch auf gepflegten Kult- oder staubigen Jawa-Hobeln; bewegt von Landwirten, die von den Yayla-Dörfern kommen, macht inzwischen sogar Spass – nur eben weniger bei den derzeitigen Scheußlich-Temperaturen!

Der Ritt auf der Rasierklinge 

Der stolze Fahrer eines dieser kleinen Babymotorroller kennt mich nicht und ich ihn auch nicht. Vermutlich einer „meiner“ Studenten der Fakülte in Kestel. „Wir“ haben davon rund sechshundert Neue zum eben begonnenen Semester. Die wollen erst nach und nach kennen gelernt sein.

Zwei lachende schwarze Blitzeaugen laden ein, doch hinter ihm Platz zu nehmen  Leichtsinnig genug steige ich auf, den sportiv über einer Schulter schaukelnden Rucksack auf beiden Schultern gesichert.Das Spielzeugmotörchen scheint dem Dicken hinter dem Dünnen  die erhebliche Mehrarbeit zu verübeln. Giftige Ölwolken entweichen, es ist das Ausatmen eines tiefen Missvergnügens an der zusätzlichen Arbeit. Aber dann läuft das Rollerchen zur Hochform auf und sein jugendlicher Fahrer zeigt, zu welchen Kurvenlagen sein Rennpferdchen in der Lage ist. Meine Kopfbedeckung nutzt die entstehende Thermik zu einem Sonderflug in Richtung  des wild schäumenden Dimcay, ein Rückflug ist wohl nicht geplant. Die Haarpracht würde im Fahrwind flattern, wäre sie denn vorhanden.

Der Pistenschreck scheint hinten ein Auge zu haben, immer, wenn ich halbwegs entspannt die Hexentour zu genießen beginne, dreht er unversehens am rechten Hahn, die frisch geschütteten Straßenkiesel fliehen vor dem Raser. Der Sozius duckt sich, klammert, es ist, als ob das Sitzchen unter mir eigenverantwortlich davon fährt, als ob diese Giftnudel von Roller mich wie ein steigender Gaul abwerfen will.

Die Häuser und die Bäume  fliegen bergauf,  Mütter retten ihre Kinder.

In Tosmur endet der Ritt auf der Rasierklinge, sehe ich in den Augenwinkeln des Hilfsbereiten ein ganz winziges Aufblitzen von jugendlichem Übermut? Sicher nicht, wir verabschieden uns freundschaftlich. Der Magen senkt sich wieder in die Lage, die ihm der Schöpfer zudachte, die Blässe um die Nase weicht rasch der landesüblichen Bräune.

Was tue ich nur, wenn der junge Mensch mich wieder herzlich einlädt auf eine künftige nur wirklich guut gemeinte Tour den Berg hinunter?

Peter Hockenholz

Alanya …. und sein jüngstes Gerücht


 Das Gerücht – A. Paul  Weber –

www.weber-museum.de/werk/geskrt/

Gerüchte … das sind solche Behauptungen die trotz ungesicherter Faktizität geglaubt, für wichtig gehalten und deshalb verbreitet werden, wobei sich der Inhalt regelmäßig in den zahlreichen „Übertragungsschritten“ verändert. http://www.geruechte.de

Eine Publikation, Alanyas „Weltpresse“ zugehörig, verbreitete sich kürzlich hoch informiert und deshalb ausführlich über einen hiesigen Unternehmer. So weit, so gut, dass die vierte Gewalt der Medien selbst hier an der türkischen Riviera investigativen Journalismus praktiziert. Das dient der Transparenz – und gleichzeitig der im milden Winter hierorts fröstelnden Leserschaft. Das Gerücht kroch, schon ziemlich aufgepeppt, sogar den Berg hinauf bis hinter den wild schäumenden Dimçay.

Gut geschrieben immerhin, ganz im Stil der deutschen Boulevardpresse. Wie kann man dann über einen Geschäftsmann herziehen, welcher derzeit unternehmerische Entscheidungen zu treffen hat, die weit über das Tagesgeschäft hinausgehen.

Wer selbst etwas unternommen hat oder immer noch unternimmt, der weiß, dass es im Wirtschaftsleben immer ein Auf und ein Ab gibt. Das kann die Ursache in unternehmerischen Fehlentscheidungen haben, zum Beispiel bei der Wahl seiner Geschäftsfreunde. Auf die hat man nur bedingten Einfluss, man wählt sie guten Glaubens, unterstellt, dass sie wie die berühmten königlichen Kaufleute zu Zeiten der Monarchie handeln und wo ein Handschlag Vertragskraft hatte — und auch heute noch haben sollte!.

Das mag blauäugig erscheinen, aber muss man seine Kunden und seine Lieferanten von vornherein gleich als potentielle Betrüger einordnen?

Wichtig hingegen ist, wie man sich im Falle einer eingetretenen Krise wieder daraus befreit – als Kaufmann, der mit eigenem Vermögen einsteht. Oder als Kreatur, die nach dem Motto „nach mir die Sintflut“ sich vom Acker macht.

Ein redlicher Kaufmann und Fachmann reinvestiert Einnahmen in sein Unternehmen, damit es wächst. Im Falle einer Liquiditätsklemme muss er verhandeln und eigene Vermögenswerte auflösen, das braucht Zeit. Bringt er dann auch noch den Mut auf, Transparenz zu schaffen, dann ist das aller Ehren wert!

Hier wurde ein Gerücht in einer Gerüchteküche zusammengerührt; peinlich für die Publikation, dass sie sich für den wenig genießbaren Eintopf bei eben diesem Unternehmen schriftlich entschuldigen musste.

Peter Hockenholz am 18. Januar 2012

Der Gullydeckel


Keiner fällt mehr, keiner fällt mehr rein!

Nämlich in das Loch neben der Straße, die den Berg hinunter nach Kestel führt. Dort befand sich seit Jahren schon ein offenes Kanalloch. Latschten die zwei Rentner in der Dunkelheit abwärts, entspann sich regelmäßig dieser Dialog: „Pass auf, dass Du nicht ins Loch trittst!“ „Jaja, ich weiß, darin verschwanden schon Dutzende unaufmerksamer Ehefrauen auf Nimmerwiedersehen!“ Nach fast 42 Ehejahren ist damit wohl schon alles gesagt…

Aber es ist die reine Fürsorge, denn ein Loch ist, wo man reinfällt, wann man drauf tritt.

Es war wirklich eine gefährliche Falle, vor allem im Dunkeln, denn gerade an dieser Stelle fällt in der Dunkelheit die ohnehin spärliche Straßenbeleuchtung schon mal aus. Auf dem Weg heute zum Alanya-şehir-otobüsü, dem Stadtautobus tut sich ein Wunder am Straßenrand auf: nach jahrelanger Offenheit ist das schwarze Loch zugedeckelt.

Nicht einfach so, sondern eigentlich sollte der Betondeckel ja wohl eingepasst sein, aber das ist er nun mal nicht, sondern er steht erhaben über dem Kanaldeckelloch, war wohl kein Werkzeug vorhanden, ihn dort einzupassen, wofür er wohl nach Mass gegossen worden ist. Unser neuer Gullydeckel ist keine Massenware, sondern das Unikat eines Straßenkünstlers, leider unsigniert.

Überdies hat er einen großen erhaben eingearbeiteten Bügel, kunstvoll zurecht gemacht. Steht wie ein Fuchseisen über den Dingen – und schielt vermutlich nach einem korrekt rechts gehenden Fuß, ihn samt Anhang fix zu fangen.

So ist auch weiterhin große Vorsicht geboten!

Eigentlich ist ein simpler Kanaldeckel es nicht wert, das man darüber berichtet. Man latscht drüber, achtet höchstens darauf, dass nicht gerade ein Hundehaufen darauf Platz genommen hat. Aber unser Kanaldeckel ist nicht irgendein Kanaldeckel, er ist eine ganz spezielle handgefertigte Kostbarkeit, die ganz spezielle Beachtung verdient, oder?

Wanderer, kommst du nach Kestel und keuchst die Sigorta sokak in Richtung Fakülte hinauf, dann halte ein und gedenke derer, die im Gully auf Nimmerwiedersehen  verschwunden sind!

Peter Hockenholz am 18. Januar 2012

Der Knirps


Gestern war noch einer dieser Regentage, an denen es tagelang vom Himmel pladdert, mindestens immer so zwei bis vier Tage…. Heute scheint wieder eine vorfrühlinghafte Sonne, so hinkt mein Knirps dem Regen genau einen Tag hinterher….

face lifting eines Knirpses 

Am Freitag just vor dem dritten Advent zeigte der Kleine auf dem Prachtboulevard Alanyas sein neues wahres Gesicht. Wichtiger als sein neues outfit war seine wiederhergestellte Alltagstauglichkeit.

Der Knirps ist wirklich ein Knirps von Statur, aber entspannt ist er ein Großer. Es regnete in Strömen an diesem Freitag vor dem dritten Advent. Keinen Hund jagt man bei dem Sauwetter vor die Tür, sonnenverwöhnt waren wir in den letzten Wochen. Nur das Herrchen des Knirpses war unterwegs, einen Gast durch die Stadt zu lotsen.

Vor vielen Jahrzehnten in Wuppertal begann eine wunderbare Freundschaft zwischen diesem Knirps und seinem Besitzer. Der entdeckte den Knirps in einem Fachgeschäft für Knirpse in Wuppertal, griff tief in die Tasche und adoptierte ihn.

Stolz über seinen Erwerb schwebte er, den Kleinen an sich drückend, wie auf Wolken durch Wuppertal. Nicht nur durch die Straßen, die er beruflich aufzusuchen hatte, sondern selbstverständlich auch mit diesem schwebenden Blechding von Oberbarmen bis Vohwinkel ging es über die Wupper. Das ist ein Muss in Wuppertal!

Alle Welt sollte den großen roten Punkt auf seiner Tragetüte bewundern: ahh, einer, der Knirps besitzt…

Über Jahrzehnte bot der Knirps, Träger einer einst großen angesehenen Weltmarke, Schutz vor Regen und Schnee, zumindest einem allein. Zu zweit drängte man enger aneinander, sonst kriegte einer von beiden einen nassen Hals. Eng aneinander erzeugte es Reibung und Reibung wiederum erzeugt Wärme. Aber das wollte ich hier nicht weiter ausführen.

Knirps nebst Besitzer wurden zusammen alt  und sie pflegten ihr überspanntes Verhältnis – und wie es bei Alten vorkommen soll, ließ die Gesundheit nach und der Teint bei beiden wurde blass und faltig.

Einer von beiden wurde, dem Himmel sei es geklagt, mit den Jahren inkontinent, zu deutsch, er konnte das Wasser nicht mehr halten. Peinlich genug, das zu beichten, obwohl es nicht den einstigen Käufer des Knirpses betraf.

„Schmeiß die alte Krücke weg“ instistierte die liebende Ehefrau. „Kauf Dir einen schönen neuen Schirm!“ Das mein alter Knirps in den Jahren ein Teil von mir geworden war, ein Knirps mit einer Seele, irgendwo verborgen zwischen den stabilen Stangen oder im roten Knopf, muss ihr entgangen sein. Andererseits wurde auch nie über die Seelenverwandtschaft gesprochen.

Den jahrzehntelangen Begleiter so mir nichts dir nichts entsorgen und so eine mickrige Fernostgeburt mit dürrem Gerippe erstehen, niemals! So ein Wegwerfparapluie gibt sich doch schon nach einem kurzen Regenschauer geschlagen und streckt seine kaputten Stelzen aus der Mülltonne heraus.

Das Weltunternehmen Knirps, der mit dem Roten Punkt, gerade so wie meiner,

existiert nur noch als Name, weiß das Internet. Aber es weiß auch, sozusagen als Geheimtipp, dass es in Solingen, der Geburtsstätte der Knirpse, noch einen Händler geben soll…..

Der muss wohl den letzten Ballen Knirpsschirmseide aus der Konkursmasse gesichert haben – und der nahm sich meiner löcherigen Krücke an. Wertarbeit in good old Germany kostet – für die €´s hätte ich ein Dutzend Billigregendächer beim Straßenhändler erstehen können.

Aber die könnten im Leben nicht meinen Kleinen ersetzen, kein Euro ist zuviel investiert. Mein Kleiner mit dem roten Punkt protzt –  dernier cri in allerfeinster hochaktueller Schirmseide – schmückt seinen stolzen Besitzer. Unter einem Regenschirm am Abend – nein nein, unter einem echten Jahrzehnte alten neuen echtem KNIRPS! Nur kein Neid, denn so etwa siehst du nicht alle Tage.

Sein Besitzer hätte ebenso notwendig ein Ganzkörperfacelifting. Aber das kostet. Ob ein Gespräch mit der Krankenkasse erfolgreich sein könnte?  Aber es kommen Bedenken auf. Wird die neue Epidermis passgerecht? Oder kneift sie unter den Axeln? Dann würde der alte neue Schirm nicht mehr übers kahle Hirn reichen. Oder wäre sie wie ein Staatshaushalt auf Kante genäht? Jeder Bissen wäre ein Bissen zu viel. Lassen wir es wie es ist; einer von uns beiden, der Knirps sieht wieder schick aus – nur kein Neid!

Peter Hockenholz im Dezember 2010

Vielen Dank


Vielen Dank Allen, die mir Ihre Meinung, Ihre Kritik, Ihre Anregungen zu diesem blog geschrieben haben – und auch allen, die möglicherweise noch schreiben werden! Aber das heißt ja, dass neuerdings nicht mehr geschrieben, sondern vielmehr gepostet wird. Die Begriffe verschieben sich, ob geschrieben oder gepostet, ist nicht so wichtig. Gerade versucht meine liebe Frau, den „like buttom“, also den „Magichknopf“ in den blog hineinzudiskutieren…

Es sind doch jetzt schon so viele Zuschriften, dass ich einzeln nur noch selten darauf antworten kann. Aber auch künftig werde ich immer wieder vom Alltag, von Erlebtem, ob nun positiv, oder auch von gefühlt oder tatsächlich Kritischem hier in Kestel-Alanya hinter dem wild schäumenden Dimcay -Türkei berichten.

Dienstag, 17. Januar 2012 – Peter Hockenholz

Der einstmals traurige Versuch einer Fussballreportage


Diese „Reportage“ hat mir einst die – vermutlich verdiente – schriftliche Rüge eines echten Fußballfreundes aus Deutschland eingetragen. Aber die wichtigen Mienen der Funzionäre und der echten Reporterkollegen Alanyas auf der Pressetribüne waren für mich so erheiternd, dass dabei nur diese Glosse herausgekommen ist… und die nicht sehr wind- und regenfeste Alanyasporflagge am Küchenbalkon hat sich nach kurzer Zeit schon der rüzgar, der Sturm, unter den Nagel gerissen….

Alanyaspor contra Fenerbace Istanbul 3 : 10 

„Dabei sein ist alles“ dachte sich Ahmet unter Inanspruchnahme des olympischen Gedankens – und machte prompte den Bock zum Gärtner. So ist das, wenn der Berichterstatter mit wichtiger Miene zwischen den vielen Experten für sportliche Aktivitäten auf der Pressetribüne hockt und als totaler Döspaddel von nichts eine Ahnung hat. Zumindest, was  den Fußball betrifft.

„Du musst nur immer die Beine der Fußballer zählen, es müssen immer genau vierundvierzig sein“, riet mir einer dieser Sachverständigen vorher. Guter Rat, ich zähle immer wieder nach, komme aber nur auf zwanzig Orangene mit weißen Kniestrümpfen und zwanzig Blaue, die mit hochherschaftlichem vereinseigenem Bus aus dem fernen Istanbul an diesem 23.01.08 im Stadion zu Alanya einfielen. Erst später ging mir auf, dass die beiden Schwarzen, die vor dem jeweiligen Tor standen, auch noch dazugehören. Dann wetzte noch ein weiterer Schwarzer hurtig zwischen den Eiligen hin und her und pfiff dauernd laut und misstönend. Macht nach Adam Riese sechsundvierzig Männerhaxen.

Die Orangenen waren an der Trikotaufschrift als Aktive und Passive von Alanya-Spor auszumachen.

Die Blauen machten ihnen als kämpfende Truppe aus der Weltstadt am Bosporus aber ziemlich zu schaffen.

Sie hetzten unsere heimischen Kicker fürchterlich hin und her über den Rasen, traten auch mal nach einem von uns. Beide Parteien streckten ständig die Hände in die Luft, konnten das runde Leder aber nicht einmal zu fassen kriegen. Stattdessen kriegten sie den Ball immer wieder auf den Kopf und stießen ihn von sich. Kann man auch verstehen, denn das tut doch weh, auch dann, wenn noch Haare den harten Ball abfedern. Nur der Pfeifer hielt sich da heraus, schließlich hatte er auch so einen überbreiten Scheitel wie ich. Der Mann war eben vorsichtig.

Am Rande um das Spielfeld hielten sich viele kleine grüne Männchen auf. Die schmissen den Fußball immer wieder den Spielern vor die Füße, wenn sie ihn im Staub gefunden hatten. Die kleinen Grünen waren wohl die Ball-acks von morgen oder übermorgen. Sehr zu loben ist die hehre Gastfreundschaft der Fußballer von Alanya-Spor. Sie wollten nicht, dass Fenerbace enttäuscht in den feinen Bus steigt und öffneten deshalb ihr Tor einladend für zehn Treffsichere in ihr eigenes Netz.

Die Gäste nutzten das weidlich, nahmen das Gastrecht wahr, vernachlässigten aber die Gastpflicht. Sie hielten dicht – und nur drei Tore gönnten sie unsern Jungs. Traurig genug.

Die Veranstaltung war angekündigt als Fußball – S p i e l. Warum dann aber Hundertschaften von Polizeibeamten mit Pistolen, Knüppeln, teilweise verschanzt hinter durchsichtigen Schilden?? Vielleicht erklärt mir das mal einer. Aber neunzig Minuten lang brandeten die La Ola-Wellen durch unser Stadion.

Nun weht eine dieser grün-orangenen Fahnen hier in Kestel vom Küchenbalkon. Da sieht man sie von der Straße aus.

Ahmet, hoffentlich kriegst Du zu meiner Expertenanalyse auch irgendwo den nackten nüchternen Sachverhalt her, ruf doch mal Freund Rıza von der IHA an, als rettenden Notproppen.

– ho am 23. ocak 2008

Sind die Ziegen arme Schweine?


Ein später Eindruck vom letzten Ramazan, dem Fastenmonat der Muslime – oder ein früher Ausblick auf den nächsten Ramazan – aufgeschrieben vor einigen Jahren, bewegt mich aber immer wieder.

Sind die Ziegen arme Schweine?

Ramazan, Fastenzeit, Schulbeginn, es häuft sich in diesem Jahr und so wird es auch in den kommenden Jahren nach mohamedanischer Zeitrechnung hierzulande sein. In die Nachbarhäuser, seit Monaten verwaist, weil die Bewohner vor der Sommerhitze in ihre Heimtdörfer flüchteten, zieht neues Leben ein. Dem männlichen Nachwuchs werden die Köpfe geschoren, damit versehentlich mitgebrachte kleine Plagegeister erst gar keine Chance haben – Reinlichkeit geht türkischen Mitmenschen über alles.

Aber die Rückkehr ist viel viel viel schwerer als der Beginn, nicht nur, weil die Schule beginnt. Hier oben hinter dem wild schäumenden Dimcay kommt so ein Kleinlieferwagen, hoch getürmt, die Klamotten in die hinlänglich bekannten Tücher geknüpft, darunter haufenweise Säcke, vermutlich mit Anteilen der Ernten aus dem Heimatdorf, darunter noch einige Klafter Holz für den Winter – und – ganz in die Ecke verbannt, zwei von diesen schönen langfelligen – Ziegen. In der Kabine Vater am Volant, Mutter, vier Kleine, drei davon Menschen- und ein – Ziegenkind. Geht doch.

Ziegen riechen etwas strenge, unsere Hände nach dem Streicheln ebenfalls. Der Nachbar klärt rasch auf: es ist doch Fastenzeit und eine von diesen Ziegen essen wir. Wir schlachten sie heute Abend und verzehren sie nach dem Fasten-Kalender der Gemeinde Kestel für den 16. September ab 19:07 Uhr, wenn die Sonne untergegangen ist.

Das Zicklein etwa? Nein, das essen wir zum späteren Opferfest. Aber eine der beiden Großen, die wir eben noch auf der Ladefläche streichelten? Natürlich. Natürlich? Ziegen und Schafe sind neben der seltenen auf den bescheiden auf den Tisch kommenden Fleischmahlzeiten Opfertiere, die zu Ehren Allahs geopfert und verzehrt werden. Der Akt der Schlachtung dauert nur wenige Minuten und die Zubereitung erfordert einige Zeit. Eine gutnachbarliche Einladung zur Teilnahme am Fastenbrechen erging nicht, die bescheiden lebende Familie ist einfach zu groß, eine lahme Ausrede blieb uns erspart. Pragmatismus, gepaart mit muslimischer Frömmigkeit nimmt dem Geschehen das Schaudern, für Augen, Nase und Ohren des Europäers jedes Jahr neu gewöhnungsbedürftig.

Da haben wir es doch richtig gut, denn wir delegieren das Schlachten abseits in die Schlachthöfe. Denn selbst auf dem Lande gehört das Schlachtfest mit frischen Wellwürsten und Schlachtebrühe längst schon der Vergangenheit an.

So ganz nebenbei gesagt: es gibt in den Supermärkten Fastenpakete, vorgepackt mit Grundnahrungsmitteln! Ein frisches Huhn obendrauf gelegt wird es der armen Nachbarfamilie ein Stück weit über die Runden helfen. Wäre doch eine ganz praktische Teilnahme am Ramazanmonat und befriedigt einiges mehr als die Unzufriedenheit über die Einschränkungen zum Beispiel der fastenden Handwerker.

Auch noch so ganz nebenbei gesagt: es gibt tatsächlich Familien, die nicht die Knete aufbringen, ihren Kindern die notwendigen Schulhefte, die hier nach Gewicht verkauft werden und die Bleistifte un die Radiergummis kaufen können, von Schulklamotten mal abgesehen. Macht uns nicht ärmer, ganz im Gegenteil. Es eilt nur, die Schule beginnt!!!!

– ho