Trauer um eine Nachbarin


 

..… das war im ersten Jahr in unserer neuen Umgebung, aber es ist mir wichtig, die Eindrücke hier noch einmal zu erleben und wiederzugeben….

Trauer um eine Nachbarin

Die Salartalık, die frischen Salatgurken, ungespritzt aus den Gärten der Verwandten in Anamur, sie liegen noch ungenossen im Kühlschrank, als es nur zwei Tage später durch das Dorf geht, die Schenkende sei, nur 45 Jahre alt geworden, gestorben.

Ein Dorf, Kestel, trauert. Aber eigentlich sind wir gar kein Dorf, sondern Sarağlar Mahallessı ist ein Flecken innerhalb Kestels hinter dem Dimçay, wie man weiß. Die Mutter von Özgür, unserem bakkal, unserem Nahversorger, ist uns seit Jahren gut bekannt gewesen, den Mund voller Goldzähne immer, oder fast immer, zum strahlenden Lächeln geöffnet, immer mit offener Hand, mit Gemüse aus dem Garten, mit freundlichen Worten, uns den fremden Zugezogenen, herzlich zugewandt. Die bakkalcı ist ganz plötzlich gestorben, am selben Tag in ihrer Heimat Anamur beigesetzt – und die Trauer kommt. Später.

Als temporäre Neudörfler werden wir beim notwendigen Kondolenzbesuch zum drei Tage später stattfindenden Trauermahl gebeten. Im Frühjahr Gäste bei einer Beschneidungsfeier sind wir nun gebeten, mit zu essen – und zu trauern.

Alles geht wieder einmal getrennt vonstatten, Dutzende von Frauen verschwinden im Hause Dutzende von Männern versammeln sich vor dem Hause und auf der kleinen staubigen Straße an Tischen, die immer wieder neu für neue Ankommende mit Zeitungsblättern ausgelegt sind, serviert werden mit Füllung versehene Brote und geeister Ayran und ernste Gespräche. Da meine Frau, des Türkischen Mächtige, unter den Frauen weilt und alles hört und alles versteht, sitze ich mit meinen Sprachrudimenten unter den Männern, nur meine Klassenkameraden und Kameradinnen aus der Alantur ilk okulu, die jetzt große Ferien haben, mischen sich bedienend unter die männliche Trauergemeinde.

Ali, der Bruder von Emine, ein Mitschüler aus  „meiner“ Klasse, spricht ein lautes Gebet und die Handflächen drehen sich nehmend nach oben, Allah, dem Schöpfer der Muslime entgegen. Wir Christen verknoten unsere Hände beim Gebet – nur nichts annehmen, das gehört sich ja auch wohl nicht, aber auch nichts von sich hergeben… Vielleicht die falsche Interpretation, aber mir, dem sprachlich Ausgeschlossenen, kommen solche Gedanken

Es verbietet sich von selbst, leider, die gesammelten ernsten geprägten Gesichter, abzulichten; sie würden die Gedanken bebildern, geht aber nicht, çok ayıp. Die abendliche Dämmerung fällt über den Taurus in unser kleines Dorf, in unseren kleinen Flecken Sarağlar Mahallessı, die Gespräche werden leiser, der Dolmuş mit den Verwandten macht sich auf den Weg zurück nach Anamur; man nimmt Abschied voneinander, schüttelt sich noch einmal gegenseitig beide Hände – und begibt sich still und nachdenkend zurück in seinen Arbeits- oder in seinen Ferienalltag.

-ho

 

 

 

 

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